Whitepaper
Komplexe Information
Warum moderne Informationssysteme dem Menschen einen imaginären Entscheidungsraum lassen müssen
Abstract
Moderne Informationssysteme basieren nahezu ausschließlich auf dualer, diskreter Information. Diese Form der Informationsverarbeitung ist extrem erfolgreich, führt jedoch zunehmend zu einer Entfremdung zwischen menschlicher Entscheidungsfindung und maschineller Logik. Menschen treffen Entscheidungen nicht ausschließlich rational, sondern wesentlich auch über emotionale, hormonelle und körperliche Prozesse. Dieses Whitepaper argumentiert, dass eine Erweiterung des Informationsbegriffs notwendig ist: Komplexe Information, bestehend aus einem reellen (maschinell verarbeitbaren) und einem imaginären (menschlich relevanten) Anteil. Nur so kann dem Menschen in einer zunehmend berechneten Welt ein legitimer Entscheidungsraum erhalten bleiben.
1. Ausgangslage
Das Universum, wie es von Maschinen modelliert wird, ist:
- diskret
- berechenbar
- deterministisch oder probabilistisch beschreibbar
Der Mensch hingegen existiert darin als biologische Instanz, deren Entscheidungsprozesse wesentlich geprägt sind durch:
erstens: hormonelle Regelkreise zweitens: emotionale Zustände drittens: körperliche Signale („Bauchentscheidungen“) viertens: unvollständige Information
Diese Prozesse sind nicht vollständig formalisiert, aber dennoch real, wirksam und evolutionär sinnvoll.
Trotzdem sind es weiterhin Menschen, die:
- Maschinen konstruieren
- Modelle des Universums formulieren
- Systeme betreiben, die Realität „rechnen“
Ein System, das diese menschliche Grundlage ignoriert, sägt an seiner eigenen epistemischen Basis.
2. Problem der klassischen Informationstheorie
Die vorherrschende Informationstheorie (Shannon) beschreibt Information als:
- syntaktisch
- bedeutungsfrei
- vollständig diskret
Diese Definition ist technisch korrekt, aber anthropologisch unvollständig.
Sie kennt keinen Ort für:
- Bedeutung
- Kontext
- Gefühl
- Unentscheidbarkeit
In der Praxis führt das zu Systemen, die menschliches Verhalten als:
- Rauschen
- Fehler
- Abweichung
interpretieren.
Das Problem liegt nicht im Menschen – sondern im zu engen Informationsbegriff.
3. Komplexe Information – Definition
Wir schlagen vor, Information grundsätzlich als komplexe Größe zu modellieren:
I = a + ib
wobei gilt:
- a (reeller Anteil) maschinell verarbeitbar, logisch, berechenbar, überprüfbar
- b (imaginärer Anteil) menschlicher Entscheidungsraum, Kontext, Gefühl, Intuition, Nichtwissen
Wesentliche Eigenschaft:
👉 Der imaginäre Anteil muss nicht aktiv genutzt werden 👉 Er kann Null sein 👉 Aber er muss existieren
Analog zur Mathematik komplexer Zahlen: Auch wenn der Imaginärteil null ist, bleibt die Struktur komplex.
4. Funktion des imaginären Anteils
Der imaginäre Anteil erfüllt mehrere kritische Funktionen:
erstens: Er markiert die Grenze der Berechenbarkeit zweitens: Er erlaubt Entscheidungen unter Unsicherheit drittens: Er schützt vor Totalisierung durch Logik
Insbesondere erlaubt er dem Menschen, Entscheidungen zu treffen, die nicht vollständig rational begründbar sind, ohne als irrational delegitimiert zu werden.
Hormone, Emotionen und Körperzustände erhalten damit keinen mystischen Status, sondern einen formalen Platz im System.
5. Auswirkungen auf maschinelle Systeme
Für maschinelle Systeme bedeutet komplexe Information:
- Anerkennung unvollständiger Modellierung
- formale Repräsentation von Unsicherheit
- Trennung von Berechnung und Bedeutung
Eine Maschine mit komplexem Informationsmodell „weiß“, dass:
„Nicht jede Entscheidung vollständig berechnet werden kann.“
Das erhöht nicht die Autonomie der Maschine, sondern ihre epistemische Demut.
6. Auswirkungen auf den Menschen
Für den Menschen entsteht ein geschützter Entscheidungsraum:
erstens: Entscheidungen müssen nicht vollständig rationalisiert werden zweitens: emotionale und körperliche Prozesse bleiben legitim drittens: Verantwortung bleibt beim Menschen, nicht beim System
Der imaginäre Anteil fungiert als formaler Rückzugsraum gegen algorithmische Übergriffigkeit.
7. Gesellschaftliche Relevanz
Ohne einen imaginären Anteil drohen:
- technokratische Entscheidungsregime
- psychologischer Druck zur Selbstoptimierung
- Entfremdung des Menschen von seinen eigenen Entscheidungen
Mit komplexer Information entsteht eine Logik, die den Menschen nicht ersetzt, sondern aushält.
8. Schlussfolgerung
Der Mensch ist keine Anomalie in einem berechneten Universum. Er ist die Instanz, die dieses Universum berechnet.
Wenn wir ihn aus der Logik verdrängen, verlieren wir die Grundlage der Systeme selbst.
Komplexe Information ist keine Option. Sie ist eine Notwendigkeit.
9. Ausblick
Nächste Schritte könnten sein:
- formale IT-Design-Prinzipien auf Basis komplexer Information
- Schnittstellen, die den imaginären Anteil explizit zulassen
- ethische Rahmenmodelle jenseits reiner Optimierung


